2007 zeigte die Schubert.Galerie Berlin die Ausstellung »Werner Kunkel – Malerei und Zeichnungen«. Zu diesem Anlaß erschien die erste Ausgabe der Galerie-Druckschrift »Sieben«, in der Werner Kunkel auf wichtige Stationen seines Lebens zurückblickte.

MEIN NAME IST WERNER KUNKEL ...

Ich bin am 18. Juli 1922 in Magdeburg geboren. 1940, nach dem Schulabschluß, begann ich eine Lehre als Kaufmann. Ein Jahr später wurde ich zur Wehrmacht eingezogen. Als Telefonist hatte ich das Glück, nicht zur kämpfenden Truppe zu gehören. So blieb mir auch als Soldat genügend Zeit, mich dem Zeichnen und Malen zu widmen. Skizzenbuch und Tuschkasten hatte ich immer dabei.

Werner Kunkel geriet in russische Kriegsgefangenschaft. Im Oktober 1945 wurde er entlassen.

Ich wußte nicht, was ich beruflich machen sollte. Da ich schon immer gern gezeichnet hatte, beschloß ich, in Hildesheim die Kunstgewerbeschule zu besuchen. Dort blieb ich zwei Semester; der Unterricht behagte mir aber nicht so. Ein Mitschüler riet mir, mich an der Berliner Kunsthochschule zu bewerben. Also reiste ich mit meiner Mappe unter dem Arm nach Berlin.

Leider hatte ich nicht daran gedacht, daß an der Hochschule für bildende Künste Semesterferien waren. Kurzentschlossen suchte ich eine Telefonzelle und rief den Direktor an. Das war damals Professor Karl Hofer. Ich fragte ihn, ob ich zu ihm kommen könne, ob er meine Arbeiten anschauen und mir sagen würde, ob meine Begabung ausreiche. Und ob er mich eventuell als Schüler nehmen würde. Seine brummige Antwort lautete, er habe keine Zeit und nehme auch keine Schüler. Hofer war sehr ungehalten über die Störung und meinte: »Kommen Sie wieder, wenn das Semester beginnt.« Ich erwiderte: »Das kann ich mir nicht leisten – ich wohne in Magdeburg.« Da fragte er plötzlich: »Können Sie sofort kommen?« Ich sagte ja und machte mich auf den Weg zu seiner Wilmersdorfer Wohnung. Nachdem er alle Arbeiten angeschaut hatte, schrieb Hofer auf die Mappe: »Meine Zulassung zur Prüfung.« Dann steckte er sich eine Zigarre an und wir unterhielten uns noch ein wenig. So fand ich mich in meinem Wunsch bestätigt, Maler zu werden.

Von 1948 bis 1954 war Werner Kunkel Student an der Hochschule für bildende Künste in Berlin.

Ich studierte bei Professor Hans Kuhn in der Klasse für Wandgestaltung und freie Malerei. Dort lernte ich auch Anne Schillbach kennen, meine spätere Frau. Die Akademie war damals noch teilweise zerstört. In unserem Atelier fehlten die Fenster. Die Öffnungen verklebten wir mit Transparentpapier. Hans Kuhn vermittelte uns die alten Techniken – Arbeiten in frischem Putz, Al Fresco, Mosaiksetzen, Sgraffitos, Arbeiten in Gips. Ich beschäftigte mich unter anderem mit einer Wand von acht mal zwölf Metern. Die Komposition zeigte eine Strandszene mit vielen Figuren.

Dann bekam Hans Kuhn den Auftrag, im Treppenaufgang des Schillertheaters die Wände zu gestalten. Zusammen mit einigen anderen Studenten seiner Klasse half ich ihm bei der Arbeit an den farbigen Gipsintarsien. Von dem Honorar kaufte ich mir ein Fahrrad. Ich weiß es nicht, aber vielleicht war dieses Fahrrad der unbewußte Ausgangspunkt für meine Bildergruppen mit Rädern.

Zu meiner Studienzeit wurde viel gefeiert. Wir waren nach den entbehrungsreichen Jahren ziemlich vergnügungssüchtig. Feten gab es zu allen möglichen Anlässen, in den Ateliers und bei Kommilitonen die entsprechende Räume hatten. Besonders beliebt war der jährliche Zinnoberball, ein Höhepunkt des Faschings. Kunststudenten gestalteten fantasievolle Dekorationen, verschiedene Kapellen und Bars sorgten für Stimmung. Es wurde ausgelassen getanzt und, wie man so schön sagt, die Sau raus gelassen.

Die Künstler trafen sich zu Ausstellungseröffnungen in den Galerien Rosen, Bremer und Nierendorf oder zu den Aufführungen des Malerkabaretts »Badewanne«. Einmal halfen ein paar Studenten, darunter auch ich, Alexander Camaro, dort eine Dekoration aus weißen, strickleiterähnlichen Girlanden herzustellen. Dabei legte er ab und zu einen Stepptanz ein.

1953 wurde Werner Kunkel Meisterschüler bei Hans Kuhn. Nach Beendigung seines Studiums war er zunächst freischaffend tätig.

Zwischen 1955 und 1957 arbeitete ich in Süddeutschland und in der Schweiz an Wandgestaltungen. Über Hans Kuhn, der mit der Verlegerfamilie Burda befreundet war, wurde ich von Dr. Franz Burda mit dem Entwurf von Deckenfresken für die Heilig-Kreuz-Kirche in Offenburg beauftragt. Die Ausführung kam zwar nicht zustande, aber ich lernte bei dieser Gelegenheit den jüngsten Sohn der Familie kennen: Hubert Burda war damals 16 Jahre alt und sehr an Malerei interessiert. So wurde ich für zwei Jahre quasi sein Lehrer in künstlerischen und maltechnischen Dingen.

1956 ließ Burda seinen Sohn nach Italien reisen, in einem großen Mercedes mit Chauffeur. Auch ich war mit von der Partie. Um eine Unterkunft brauchten wir uns nicht zu sorgen, die Firma hatte alles organisiert. Aber es war auch abenteuerlich: Die Reise führte über leere und oft ungeteerte Straßen nach Mailand, Venedig und Rom. Ich kann gar nicht alle Orte und Kunstwerke aufzählen, die wir gesehen haben. Die Eindrücke waren überwältigend.

In Rom trennten wir uns. Hubert reiste nach Sizilien weiter, ich mit Anne und Karl Heinz Feyen, einem befreundeten Maler, nach Ischia. Dort wurden wir von Hans Kuhn empfangen und lernten durch ihn die Insel kennen. Anschließend fuhr ich mit Hubert nach Paris. Wir schauten uns gründlich in den Museen um und besuchten auch die Picasso-Ausstellungen in München und Winterthur. 1957 kehrte ich nach Berlin zurück, und Anne und ich heirateten. Ab 1958 setzte ich mich intensiver mit der Technik der Radierung auseinander. Dabei experimentierte ich viel – wie eigentlich in meiner gesamten Arbeit. Ich versuchte mich auch in der abstrakten Malerei, gab sie aber zu Gunsten der gegenständlichen Malerei wieder auf.

Anne und ich reisten durch verschiedene europäische Länder, um dort Land und Leute kennen zu lernen. Dabei suchten wir immer die Nähe zum Meer – Badende und Figurengruppen am Strand hatten mich immer schon interessiert. Oft beobachtete ich tagsüber, wie sich die Menschen am Strand bewegten, und machte abends Skizzen davon.

Andere Motive, die mich faszinierten, waren die Karren für den Transport von Weinfässern, die ich auf unserer Italienreise entdeckt hatte. Dazu fertigte ich eine große Zahl von Zeichnungen, Radierungen, Siebdrucken und Gemälden an. Es entstanden auch Studien von Tänzerinnen, Landschaften, Portraits, Stilleben und Atelierbilder.

Von 1962 bis 1986 unterrichtete Werner Kunkel als Lehrer für Naturstudien und Aktzeichnen zukünftige Grafiker und Modedesigner am Berliner Letteverein.

Hin und wieder beteiligte ich mich an Gruppenausstellungen, beispielsweise im Künstlerbund oder bei den Großen Berliner Kunstausstellungen in der Berliner Neuen Gruppe. Ich hatte keinen besonderen Ehrgeiz, mit meinen Arbeiten einem größeren Kreis bekannt zu werden. Gemalt habe ich nur, wenn ich Lust dazu hatte. Meine Bilder sind immer aus purer Freude an der Arbeit entstanden.